Montag, 26. November 2018, 19 h (Saal 1)

 

Performances & Gespräch sowie Zeichnungen, Fotos & Videos aus den 70er und 80er Jahren

zum 80. Geburtstag von Fridhelm Klein

mit Fridhelm Klein, Matthias Schwabe & Ensembles des exploratorium berlin

“Es ist Selfiezeit, wieder und wieder schnappt der Verschluss der Kamera, die heute fast schon ein Teil deines Körpers geworden ist. Mit jedem Schnappen wirst du in den Bilderreigen eingereiht. Selfiezeit, Ichbinzeit als Zeitinvestition in die eigene Lebenszeit. Du greifst dir Momente heraus, die es dir wert erscheinen, in deinem Lebensstrang eingeordnet zu werden, in den Index deiner Lebenslinie, ja deines Lebensnetzes, das sich aus den unterschiedlichsten Lebenslinien zusammensetzt. Du vergewisserst dich der Orte, Menschen und Situationen auf deinen Wegen: Ich bin da, ich bin hier gewesen, mit der ausgestreckten Hand, wie zum Gruß auf mich selbst. Ich bin es, ich erblicke mich aus einer Selfieperspektive, ich mache mich zum Bild, zu einem Abzug meiner selbst.

 

Als ich in den 80ziger Jahren über performative Strukturen nachdachte, erschien mir das inszenierte, selbst fotografierte Bild der eigenen Person entscheidend hinsichtlich einer selbsteinschätzenden fortgesetzten Beobachtung: sich selbst mit dem Selbstauslöser vor einem inszenierten Bildausschnitt zu bewegen, erschien mir so etwas wie eine Entdeckungsreise. Gerade die technischen Umstände forderten die Fantasie heraus. Es galt die teuren Foto-, Film-und Videokameras an Latten, Bambus-, Aluminiumstangen, mit Schnüren absturzsicher zu montieren und den Selbstauslöser für die jeweils freie Hand so zu befestigen, dass sie trotz Fliehkräften an der schleudernden Kamera und Stützkräften an der bis zu sechs Meter hohen Aluminiumstange, Latten und Schilfrohren gut auslösbar war.

 

So wurden die Überquerungen auf Äckern, entlang von Straßen über Uferabschnitte am kretischen Meer oder beim Gang über die Isarflussauen zu körperlichen “Trainingseinheiten” im Halten der “verlängerten Arme”, dem Bücken zum Nachspannen der Kamera und Aufrichten der mit Kameras bestückten Stangen. Mit tänzerisch kreisenden Bewegungen wurden die fliehenden Kameras in ihre Kreisbahnen geworfen. Wenn die Drehkräfte nachließen, hieß es: Kamera einholen und in immer engeren Umkreisungen bis zum Auffangen halten. Die Kamera drehte sich um ihre eigene Achse und um die sie schleudernde Person.”

 

(aus: Fridhelm Klein: ZWISCHENSPIEL, Rückblick auf meine SELFIEZEIT in den 70er und 80er Jahren. In: Michael Dietrich [Hrsg.]: Ich und [meine] Welt – Vom Selbstportrait zum Selfie. Kopaed-Verlag, München 2017)

 

Der Bildende Künstlers Fridhelm Klein ist dem exploratorium seit seiner Gründung in vielfacher Weise verbunden ist. In dieser Veranstaltung zu seinem bevorstehenden 80. Geburtstag präsentieren wir Fotos und Filme aus den 70er und 80er Jahren, die mithilfe seiner beschriebenen “Selfietechniken” dieser Zeit entstanden sind. In eigens dafür entwickelten Performances setzen sich Ensembles des exploratorium mit dieser Arbeit auseinander. Nicht zuletzt wird Fridhelm Klein selbst zu Wort kommen, von seiner Arbeit berichten und seine Gedanken zum Selfie als Massenphänomen und Kunstform formulieren.

 

Eintritt frei, Spenden erbeten
Reservierungen unter oder (030) 84 72 10 52.

 

Am 28.11 – 14.12. präsentiert die Denkerei die Ausstellung “1000 Tageszeichnungen und der sterbende Kunsthund” mit Werken von Fridhelm Klein. Zur Eröffnung spricht Bazon Brock über “Die denkende Hand und die Heiligkeit des Banalen”: www.denkerei-berlin.de

 

Hier gibt es einen Überblick über vergangene Konzerte in 2017 und 2018.