Experimentelle Musik in der Akademie der Künste Berlin: Das leuchtet ein. Im Deutschen Theater, im Museum für Naturkunde und im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité – das ist schon verblüffender. Was war geschehen?
14. Mai 2010, Pariser Platz (am Brandenburger Tor), 17.55 h: (improvisierte) Bläserklänge vom Balkon der Akademie, in der Glasfassade des Hauses ist ein (improvisiertes) „Fenstertheater“ zu beobachten, kurz darauf prasseln Hunderte von Tischtennisbällen durch das vierstöckige Gebäude als Auftakt einer klanglichen Raumerkundung. Bereits seit der Mittagszeit und bis zum folgenden Morgen gibt es so einiges zu erleben in Berlin-Mitte. Entlang der Luisenstraße mischen sich merkwürdige Klänge unter den Verkehrslärm: Während in einer Richtung ein Alm-Abtrieb zugange zu sein scheint, knattert auf der anderen Seite eine Gruppe Trolleykoffer über den holprigen Gehsteig. Eine Frau versucht, eine mit Kisten voller Leergut beladene Transportkarre scheppernd die Straße entlang zu manövrieren und ein einsamer E-Gitarrist (mit umgehängtem Verstärker) steuert psychedelische Klänge bei; schließlich taucht auch noch eine kleine Gruppe mit Ghetto-Blastern auf, aus denen “Für Elise” erklingt (leicht zeitversetzt, versteht sich). Ortswechsel: Rund um eine Straßenkreuzung haben sich Musiker*innen platziert und kommunizieren mit dem Straßenlärm. An einer anderen Stelle steht eine große Gruppe mit Blas- und Streichinstrumenten im Kreis, die Spieler blicken nach außen durch leere Bilderrahmen hindurch: Dieses “Panoramische Orchester” kommuniziert musikalisch über das, was durch die Rahmen zu sehen ist. Im Museum für Naturkunde bekommt der riesige Dinosaurier in der Haupthalle Besuch: Zu seinen Füßen finden Musik-und-Tanz-Performances statt – durchaus auch mal nachts um 2 oder 5 Uhr. Die historische Hörsaal-Ruine im Berliner Medizinhistorischen Museum wird von verschiedenen Ensembles klanglich „erspielt“ und auch das barocke Foyer des Deutschen Theaters beherbergt ein improvisierendes Ensemble.
Anlass für diese ungewöhnlichen Aktionen im öffentlichen Raum war das 32stündige FeldForschungsFestival_Kultur 2010 (FFF_K), das die eingangs genannten vier großen Institutionen Akademie der Künste, Deutsches Theater, Museum für Naturkunde und Berliner Medizinhistorisches Museum der Charité in Kooperation mit einer großen Anzahl kleinerer Kulturträger am 14./15. Mai 2010 in Berlin Mitte veranstaltete, und zwar sowohl in den beteiligten (großen) Institutionen als auch in dem dazwischen liegenden Stadtgebiet rund um die Luisenstraße. Grundidee war – verkürzt ausgedrückt – die Verschränkung von Kunst und Wissenschaft durch „künstlerisch-wissenschaftliche Erkundungen“ im Stadtquartier.
Das exploratorium berlin war daran mit insgesamt 50 Akteur*innen in sieben Improvisations- bzw. Performance-Projekten beteiligt. Dass sich das exploratorium für „Erkundungen“ zuständig fühlt, sagt ja schon der Name. In diesem Fall boten die besonderen Orte – innen wie außen – Anlass für ungewöhnliche Fragestellungen. Was geschieht, wenn wir Verkehrslärm nicht als Störung wahrnehmen, sondern als Anregung für das eigene musikalische Spiel (Projekt Listen to my car)? Wie regen ungewöhnliche Räume zu besonderer musikalischer Umsetzung an (Projekte Großer Lauschangriff, AdKphonie und Vor Ort), wie ungewöhnliche „Bühnensituationen“ (Projekt Voyeurs légitimes – Fenstertheater für Außenstehende)? Wie verändert sich der Stadtraum durch teils scheinbar zufällige, teils deutlich künstliche klangliche Eingriffe und Irritationen (Projekt Für Luise)?
Zwar fand sich zu diesem Festival in dem kulturüberladenen Berlin nicht sonderlich viel Publikum. Den Akteuren jedoch bot sich ein wunderbarer Spielraum für experimentelle und improvisatorische Erfahrungen im öffentlichen Raum. Neben teils befremdeten, teils belustigten, teils interessierten Reaktionen gab es auch echte „Fans“, wie den Passanten, der auf Listen to my car traf, gebannt lauschte und im Anschluss erklärte, er habe schon immer nach einer solchen Art von Musik gesucht und sie nun endlich gefunden. Was will man mehr?
Offizieller FFF_K Flyer Info-Flyer zu den Projekten des exploratorium
Video- und Audio-Aufnahmen gibt es zu dieser Veranstaltung leider nicht, aber die Fotografin Karin Desmarowitz hat uns während des Festivals begleitet und einen Teil unserer Projekte dokumentiert.