Skip to main content

Denkraum: Gespräche

imp[or]trait #13: In memoriam Christian Broecking – Zu seiner Bedeutung für den Jazz-Diskurs

Mit Maxi Broecking; Zu Gast: Rainer Kern; Videobotschaft von George Lewis

© o: Fotostudio Urbschat u: Josef Fischnaller

Ort: exploratorium berlin, Saal

Mit Maxi Broecking
Zu Gast:
Rainer Kern
Videobotschaft: George Lewis

Moderation: Mathias Maschat

„Vor fünf Jahren starb der Musikwissenschaftler, Soziologe und Musikkritiker Christian Broecking. Als Jazzforscher, Autor, Kritiker und Vermittler hat er den deutschsprachigen Jazzdiskurs über Jahrzehnte hinweg maßgeblich geprägt. Seine Arbeiten zeichnen sich durch analytische Schärfe, historische Tiefe und eine besondere Aufmerksamkeit für die ästhetischen, sozialen und politischen Dimensionen improvisierter Musik aus. Christian Broecking verstand Jazz nicht nur als musikalische Praxis, sondern als kulturellen Resonanzraum – als Ort von Erfahrung, Haltung und gesellschaftlicher Auseinandersetzung.
In seinen Interviews, vor allem mit Schwarzen Jazzmusiker*innen, ist es ihm auf eindrückliche Weise gelungen, deren Stimmen hörbar zu machen und ihnen zugleich Gewicht zu verleihen. Ihnen Respekt zu zollen und ihr Wirken gesellschaftlich, politisch und ästhetisch zu verorten, gehörte zu den zentralen Anliegen seines Denkens und Handelns. Immer wieder insistierte Broecking darauf, dass Jazz ohne die Anerkennung seiner Wurzeln in der Schwarzen beziehungsweise Afrodiasporischen Kultur nicht verstanden werden kann – und dass es nicht ausreicht, ästhetische Formen zu feiern, wenn die kulturellen, politischen und oft gewaltsamen Kontexte ihrer Entstehung ausgeblendet bleiben.
Für den Jazzdiskurs ist die von Christian Broecking geleistete Arbeit von größter Bedeutung. Auch für mich persönlich gibt es nur wenige Autor*innen, die meine eigene Auseinandersetzung mit Jazz und Improvisation in vergleichbarer Weise geprägt haben. Ich bin sehr dankbar, dass ich Christian Broecking persönlich kennenlernen und mich mit ihm im direkten Gespräch über gemeinsame Fragestellungen austauschen konnte. Sein Tod hat mich tief bestürzt.
Umso mehr freue ich mich, Christian Broecking nun gemeinsam mit seiner Frau, der Jazzjournalistin Maxi Broecking, einen Abend des Gedenkens und der Reflexion seines Schaffens widmen zu können. Anhand ausgewählter Beispiele aus seinen Interviews diskutieren wir zentrale Themen seines Denkens und beleuchten seinen umfassenden Blick auf kreative Musik. Auch seine Töchter werden anwesend sein.
Zu Gast ist außerdem Rainer Kern, Gründer und künstlerischer Leiter des Enjoy Jazz Festivals. Er stand in enger Verbindung mit Christian Broecking und organisierte mit ihm Symposien im Rahmen des Festivals und in Zusammenarbeit mit dem Heidelberg Center of American Studies. Es rief ebenso die Christian Broecking Lecture ins Leben und gründete den mit 10.000 Euro dotierten Christian Broecking Award, der jedes Jahr an herausragende Künstler*innenpersönlichkeiten vergeben wird, die sich in ihrem Werk und ihrer wissenschaftlichen Forschung sozial und politisch engagieren. 
Als langjähriger Freund von Christian und Maxi Broecking steuert zudem der Komponist, Musikwissenschaftler, Computer-Installationskünstler und Posaunist George Lewis eine Videobotschaft bei, in der er auf Christian Broeckings Bedeutung für den Jazzdiskurs eingeht. Lewis hebt hervor, dass Christian Broecking in seinen Interviews ‚nicht davor zurückschreckte, seine Gesprächspartner*innen aufzufordern, sich den schwierigsten Fragen zu stellen – Fragen nach Ästhetik, Politik, Identität und, was heute besonders dringlich ist, nach der Zukunft der Musik.‘“
(Mathias Maschat, exploratorium berlin)

Biographie
Christian Broecking
(*5. Juni 1957 in Flensburg; † 2. Februar 2021 in Berlin) war ein deutscher Soziologe, Musikwissenschaftler, Musikkritiker, Autor, Verleger und Hörfunkproduzent, der den Jazzdiskurs im deutschsprachigen Raum über Jahrzehnte hinweg nachhaltig geprägt hat. Broecking studierte Soziologie, Musikwissenschaft und Publizistik an der Freien Universität Berlin und erhielt 2011 an der Technischen Universität Berlin seinen Dr. phil. mit einer Dissertation über die gesellschaftliche Relevanz afroamerikanischen Jazz (Der Marsalis-Komplex). Er war langjähriger Programmdirektor von Jazz Radio Berlin (1994–1998), später Redaktionsleiter beim Klassik Radio Frankfurt (2000–2003), und arbeitete als Hörfunkautor für Rundfunkanstalten wie HR und Deutschlandfunk. Als Musikpublizist schrieb er regelmäßig für Zeitungen und Magazine, darunter taz, Berliner Zeitung, Süddeutsche Zeitung, Die Zeit und Jazzthing. Broecking hatte zudem Lehraufträge und Gastdozenturen an verschiedenen Hochschulen und Universitäten in Deutschland und der Schweiz, unter anderem in Berlin, Heidelberg, Frankfurt, Oldenburg und am Winterthurer Institut für aktuelle Musik. Er war darüber hinaus als Dozent, Juror (u. a. für den Preis der deutschen Schallplattenkritik) und Veranstalter aktiv und kuratierte internationale Konferenzen zur gesellschaftlichen Relevanz von Jazz. 2004 gründete er den Broecking Verlag in Berlin, der insbesondere Bücher über Jazzmusiker und improvisierte Musik veröffentlichte, darunter Interviewbände mit Persönlichkeiten wie Herbie Hancock, Ornette Coleman und Sonny Rollins. Als Herausgeber, Autor und Interviewer hinterließ Broecking ein umfangreiches Werk, das Jazz als ästhetische, gesellschaftliche und politische Praxis reflektiert, stets mit besonderem Augenmerk auf Respekt, kulturelle Kontexte und afroamerikanische Erfahrung. Christian Broeckings Werk zeichnet sich durch eine konsequente Verbindung von musikalischer Analyse, soziokultureller Reflexion und politischer Sensibilität aus. Seine Interviews sind nicht nur biographische Dokumente, sondern eröffnen tiefe Einblicke in Fragen von Identität, Rassismus, kultureller Anerkennung und ästhetischer Freiheit – stets mit dem Anspruch, Stimmen hörbar zu machen, die im Mainstream leicht übersehen werden. Christian Broecking starb am 2. Februar 2021 in Berlin. Er wurde 63 Jahre alt.

Nachrufe
taz / Jörg Sundermeier
Die Zeit / Ulrich Stock
Jazzthing / Martin Laurentius

Ausgewählte Publikationen (Bücher)
Der Marsalis-Faktor. Gespräche zur afroamerikanischen Kultur in den 90er Jahren, Oreos, 1995.
Respekt!, Verbrecher Verlag, Berlin 2004
Black Codes, Verbrecher Verlag, Berlin 2005
Jeder Ton eine Rettungsstation, Verbrecher Verlag, Berlin 2007
Ornette Coleman – Klang der Freiheit, Creative People Books / Broecking Verlag, Berlin 2010
Herbie Hancock – Interviews, Creative People Books / Broecking Verlag, Berlin 2010
Sonny Rollins – Improvisation und Protest, Creative People Books / Broecking Verlag, Berlin 2010
Respekt! Die Geschichte der Fire Music (Neuausgabe mit aktualisiertem Nachwort), Verbrecher Verlag, Berlin 2011
Visualizing Respect – Jazzfotografien / Jazz Photography, Creative People Books, Berlin 2012
Der Marsalis-Komplex. Studien zur gesellschaftlichen Relevanz des afroamerikanischen Jazz zwischen 1992 und 2007 (Dissertation), Broecking Verlag, Berlin 2014
Gregory Porter. Jazz, Gospel & Soul, Creative People Books, Berlin 2015
Dieses unbändige Gefühl der Freiheit. Irène Schweizer – Jazz, Avantgarde, Politik, Creative People Books, Berlin 2016; engl. Übersetzung This Uncontainable Feeling of Freedom: Irène Schweizer, European Jazz, and the Politics of Improvisation, Broecking Verlag, Berlin 2021

Details

Eintritt

Eintritt frei

Zugang

Haupteingang (durch das Restaurant Mokja)

Livestream

Das Event wird als Livestream auf unserem YouTube-Kanal übertragen: https://www.youtube.com/exploratoriumberlin

Anmeldung

nicht erforderlich

Abonnieren Sie unseren explo-Newsletter

Der explo-Newsletter informiert Sie wöchentlich über das Programm des exploratorium berlin und wird in deutscher Sprache verschickt.

Um den Newsletter zu abonnieren, geben Sie bitte E-Mail-Adresse ein.

Programme als Download

Bitte beachten Sie, dass die Programme nur auf Deutsch verfügbar sind.

Adresse

exploratorium berlin

Zossener Straße 24
10961 Berlin (Kreuzberg)

Marheinekeplatz (Bus 248, 20m)
U Gneisenaustraße (Bus 140, U7, 200m)
U Mehringdamm (Bus M19, U6, U7, 900m)
U Hallesches Tor (Bus M41, Bus 248, U1, U3, U6, 1000m)

Bürozeiten

Mo – Di 10.00 – 14.00
Mi 14.00 – 18.00
Do – Fr 10.00 – 14.00