Mit Improfest Berlin wird erstmals eine Berliner Ausgabe des brasilianischen Improfest – Festival Internacional de Improvisação e Arte Sonora präsentiert. Seit 2007 wird Improfest von dem Multimedia-Künstler, Musiker und Forscher Paulo Hartmann mitentwickelt und kuratiert. In fast zwei Jahrzehnten hat es sich als internationale Plattform für freie Improvisation, Klangkunst, Performance und experimentelle Musik etabliert und Künstler*innen, Szenen und Institutionen aus Brasilien, Europa und darüber hinaus miteinander vernetzt. In Zusammenarbeit mit Paulo Hartmann bringt das exploratorium berlin diesen transatlantischen Dialog nun nach Berlin.
Die Berliner Ausgabe widmet sich den Schnittstellen von experimenteller Musik, Improvisation und innovativem Instrumentenbau. Sie versteht sich als transatlantische Plattform künstlerischer Innovation und bringt Brasiliens kreative Gambiarra-Kultur mit der Berliner Echtzeitmusik-Szene zusammen. Im Zentrum steht das Erbe des Gitarristen und Instrumentenbauers Hans Reichel, dessen Arbeit das Instrument nicht nur als Mittel der Klangerzeugung verstand, sondern als Erweiterung von Körper, Wahrnehmung und Vorstellungskraft. Diese Perspektive spiegelt sich in drei Nachmittags-Showcases von Paulo Hartmann, der Klangkünstlerin und Composer-Performerin Annette Krebs sowie dem Daxophon-Experten Kriton Beyer wider, ebenso wie in einer Podiumsdiskussion, gefolgt von zwei Duos und einem Quartett, an denen auch Emilio Gordoa am Vibraphon mitwirkt.
Darüber hinaus untersucht das Programm das Potenzial von Netzwerktechnologien als Medium zeitgenössischer Improvisation. Wenn das Vermächtnis Hans Reichels im Holz und den Saiten handgebauter Instrumente weiterlebt, trägt das Ethernet Orchestra denselben Erfindergeist in den digitalen Raum tele-improvisierter Musik. Das Ensemble wurde von dem Trompeter, Komponisten und Improvisator Roger Mills gegründet und ging aus einem Forschungsprojekt hervor, das geografisch voneinander getrennte Musiker*innen Klangküntler*innen unterschiedlicher kultureller Hintergründe miteinander verband. Die Berliner Aufführung vereint den Stick-Spieler und Soundjack-Erfinder Alexander Carôt, den Bassisten des Ethernet Orchestra Paulo Hartmann sowie Luam Clarindo, der auf seiner erweiterten Cuíca spielt – einem selbstgebauten Instrument, das auf der legendären Stimme der Samba-Schulen des brasilianischen Karnevals basiert. Weitere Mitglieder des vernetzten Ensembles sind Magdalena Chudy, Fábio Furlanete, Wesley Ribeiro, Chris Vine und Joy Yang.
Programm
16:00–16:15 Paulo Hartmann & Mathias Maschat: Welcome and Introduction
16:15–16:45 Showcase I – Brazilian Luthiery
Paulo Hartmann: Gambiarra Aesthetics and Instrument Building
16:45–17:15 Showcase II: German Luthiery
Annette Krebs: The ‘Konstruktion#‘ Series as a Sound Laboratory, a Space for Experimentation and a Basis for Real-Time Compositions and Improvisation
17:15–17:30 Pause
17:30–18:30 Showcase III:
Kriton Beyer: The Daxophone – Exploring the Creative Bond between Maker, Material and Sound
18:30–19:00 Round Table: The Legacy of Hans Reichel
Kriton Beyer, Paulo Hartmann & Mathias Maschat
19:00–20:00 Networking Pause & Bar
20:00–20:45 Ethernet Orchestra feat. Alex Carôt (+ Introduction by Alex Carôt)
20:45–21:00 Pause
21:00 Kriton Beyer | Emilio Gordoa | Paulo Hartmann | Annette Krebs
Annette Krebs / Emilio Gordoa Duo
Kriton Beyer / Paulo Hartmann Duo
Beyer / Gordoa / Hartmann / Krebs Quartett
Über die Künstler*innen
Paulo Hartmann ist ein brasilianischer transdisziplinärer Künstler, Musiker und Kurator, dessen Arbeit präparierte Gitarre, Klangkunst, Teleperformance und Echtzeitimprovisation umfasst. Als Pionier der präparierten Gitarre in Brasilien ist er international aufgetreten und arbeitet an den Schnittstellen von Musik und bildender Kunst. Als Mitbegründer der Orquestra Descarrego, Mitglied des Ethernet Orchestra und Mitkurator des Improfest verbindet er künstlerische Experimentierfreude, technologische Innovation und internationalen Austausch.
Kriton Beyer ist ein griechisch-deutscher Komponist und Improvisationsmusiker, der vor allem für seine hervorstechende Arbeit mit Harmonium und Daxophon bekannt ist. Seit 2004 lebt er in Berlin, wo er eine individuelle instrumentale Sprache entwickelt hat, die Präparationen, Klangobjekte, erweiterte Spieltechniken und subtile Elektronik miteinander verbindet. Darüber hinaus arbeitet er in den Bereichen experimentelle Musik, Tanz und bildende Kunst. Er ist Gründer des Fragmentation Orchestra, Mitglied des elektroakustischen Trios uproot und Kurator von The Procrustean Bed, einer Berliner Konzertreihe und eines Plattenlabels für experimentelle und improvisierte Musik.
Emilio Gordoa ist ein in Berlin lebender mexikanischer Klangkünstler, Schlagzeuger, Kurator und Komponist, dessen Arbeit Klang und Performance in Solo-, Ensemble- und interdisziplinären Projekten erforscht. Als aktiver Teil der Berliner Echtzeitmusik-Szene und der internationalen experimentellen Musik verbindet er erweiterte Schlagzeugtechniken mit Elektronik in Performances, Installationen und Kompositionen. Neben seiner künstlerischen Arbeit gründete er die Plattform für experimentelle Musik WildSonico sowie das mexikanische Festival FILEC (Festival Internacional de Libre Expresión de Cuernavaca).
Annette Krebs ist eine in Berlin lebende Klangkünstlerin und Composer-Performerin, die hochverstärkte instrumentale Assemblagen aus Metall, Saiten, Objekten und Mikrofonen entwickelt. Ihre Werkreihe Konstruktion verbindet analoge und digitale Techniken, um feinste Klangstrukturen hörbar zu machen, die in konventionellen Instrumentalkontexten verborgen bleiben. Sie tritt international auf, hat zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt und lehrt sowie begleitet Projekte im Bereich Live-Elektronik und interaktiver Technologien.
Alexander Carôt ist Professor für Medieninformatik und Dekan des Fachbereichs Informatik und Sprachen an der Hochschule Anhalt. Seit 2005 entwickelt er die Netzmusik-Software Soundjack und verbindet dabei künstlerische Praxis mit ingenieurwissenschaftlicher Forschung, um latenzarme Musikperformances über räumliche Distanz zu ermöglichen. Als Stick-Spieler und Forscher beschäftigt er sich mit telematischen Musikperformances und neuen Übertragungstechnologien für räumlich verteilte Ensembles.
Ethernet Orchestra
Magdalena Chudy ist Forscherin, Musiktechnologin, Informatikerin und Cellistin mit Sitz in Warschau. Ihre Arbeit untersucht die Beziehungen zwischen instrumentaler Geste, Klangfarbe und musikalischer Performance und verbindet Cellospiel mit Klangverarbeitung und Improvisation. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit ist sie seit 2014 Mitglied der Female Laptop Orchestra und tritt regelmäßig in experimentellen Musikkontexten auf.
Luam Clarindo ist ein brasilianischer Perkussionist, Forscher und Musikpädagoge, dessen Arbeit die Beziehungen zwischen freier Improvisation, Live-Elektronik und Bewegung erforscht. Er ist musikalischer Kurator des Projekts Improviso Dança e Música, Gründer von Projeto Netuno und promoviert derzeit über Perkussionsimprovisation mit Live-Elektronik. Seine künstlerische Praxis verbindet Performance, Forschung und experimentellen Instrumentenbau.
Fábio Furlanete ist ein brasilianischer Saxophonist, Komponist, Forscher und Professor an der State University of Londrina. Seine künstlerische und wissenschaftliche Arbeit konzentriert sich auf freie Improvisation, Ästhetik sowie Fragen von Autorschaft und Macht in musikalischen Improvisationsprozessen. Er ist Direktor des Collective for Contemporary Free Improvisation (CLIC) und wirkte an telematischen Improvisationsprojekten des Ethernet Orchestra mit.
Wesley Ribeiro ist ein brasilianischer Schlagzeuger, Musikproduzent und Philosoph, der an den Schnittstellen von Free Jazz und freier Improvisation arbeitet. Sein erweitertes Schlagzeug-Setup integriert Perkussionsinstrumente und Alltagsgegenstände und erschließt so neue klangliche Möglichkeiten des Instruments. Neben seiner Arbeit im Duo Barsa and Briggy tritt er mit dem Ethernet Orchestra auf und engagiert sich in Kulturinitiativen im Süden Brasiliens.
Chris Vine ist Gitarrist, Komponist und Sounddesigner, dessen Arbeit von den Improvisationsszenen New Yorks und Washingtons bis zu Kooperationen in Film, Tanz und Theater reicht. Seit den 1980er Jahren hat er durch seine Arbeit in Europa und Amerika eine eigenständige improvisatorische Sprache entwickelt, unter anderem als Mitglied der Kultband Blurt. Heute spielt er im Duo Barsa and Briggy und ist Mitglied des Ethernet Orchestra.
Joy Yang ist eine Performance-Künstlerin, deren Arbeit Klavier, Theremin, Elektronik, freie Improvisation und interdisziplinäre Performance miteinander verbindet. Ausgehend von klassischer Musik, Jazz und experimenteller Praxis entwickelt sie Arbeiten, die Musik mit bildender Kunst, Bewegung und STEAM-orientierten Ansätzen verknüpfen. Ihre Performances sind geprägt von einem Interesse an Identität, Zusammenarbeit und disziplinübergreifenden künstlerischen Prozessen.