Film „Karl Berger – Music Mind“ von Axel Kröll und Julian Benedikt (55 min)
& Gespräch mit Joachim Litty (Alt-Saxofon, Bassklarinette) und Peter Stephan (Klavier) mit Live-Musik von Karl Berger
Moderation: Mathias Maschat
Nur wenige Musiker seiner Generation haben die freie Improvisation und transkulturelle Musikpraxis so nachhaltig geprägt wie Karl Berger. Der Vibraphonist, Pianist, Komponist und ausgebildete Musikwissenschaftler entstammte der düsteren Jazzszene der Nachkriegszeit in Süddeutschland, wo stationierte US-Soldaten den musikalischen Underground beflügelten und amerikanische Jazzmusiker begannen, eigene Bands in Europa zu gründen. Früh bewegte sich Berger zwischen Jazz, zeitgenössischer Musik und philosophischer Reflexion. Seine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Theodor W. Adorno gab er schließlich auf, um sich ganz der Musik zuzuwenden.
Entscheidend wurde die Begegnung mit Don Cherry in Paris. Gemeinsam mit seiner Frau, der Sängerin Ingrid Sertso, folgte Berger Cherry und Ornette Coleman Anfang der 1970er Jahre nach Woodstock. Dort entstand mit dem Creative Music Studio einer der weltweit einflussreichsten Orte für freie Musik und Improvisation – ein offener Raum musikalischer Forschung, kollektiven Lernens und transkultureller Begegnung. Musiker*innen wie Carla Bley, Jack DeJohnette, Dave Holland, Anthony Braxton, Pat Metheny sowie Percussion-Meister wie Nana Vasconcelos, Trilok Gurtu und Ayib Dieng kamen nach Woodstock, um dort zu unterrichten, zu spielen und gemeinsam neue Formen musikalischer Praxis zu entwickeln.
Im Zentrum des Abends steht der Film Karl Berger – Music Mind von Axel Kröll und Julian Benedikt. Der Film zeichnet Bergers Weg von Heidelberg nach Woodstock nach und verdichtet biografische Stationen, historische Aufnahmen und musikalische Prozesse zu einem eindringlichen Porträt eines Musikers, der Improvisation nicht als Stil, sondern als Bewusstseinsform verstand. Zugleich dokumentiert er die nachhaltige Wirkung seiner Arbeit bis in die Gegenwart – kulminierend in einem Konzert seines zwölfköpfigen Orchesters bei den Stuttgarter Jazz Days.
Joachim Litty und Peter Stephan lernten sich 1983 im Creative Music Studio kennen. Inspiriert von den dort gastierenden Musiker*innen und der radikalen Offenheit des musikalischen Austauschs begannen sie, die dort entwickelten Ansätze in ihre eigene Arbeit zu integrieren und weiterzutragen. Jahrzehnte später gründeten sie das MusicMindLab, in dem sie Workshops anbieten, die an die Ideen und Praktiken des Creative Music Studio anknüpfen. Gemeinsam mit Charles Petersohn übersetzten sie zudem Karl Bergers Buch Music Mind ins Deutsche.
Vor der Filmvorführung berichten Joachim Litty und Peter Stephan aus ihrem Erfahrungsschatz. Im Gespräch mit Mathias Maschat geht es um Karl Berger, das Creative Music Studio und dessen besondere Verbindung von musikalischer Praxis, intuitivem Lernen und kollektivem Arbeiten. Im Mittelpunkt stehen Fragen nach dem Verhältnis von Improvisation und Wahrnehmung, nach musikalischer Präsenz und den Möglichkeiten eines Hörens, das kulturelle und stilistische Grenzen überschreitet. Das Gespräch wird von Live-Musik mit Kompositionen von Karl Berger begleitet und erweitert – Musik, die Litty und Stephan aus erster Hand aus dem Umfeld des Creative Music Studio mitgebracht haben.
Joachim Litty ist Saxofonist, Bassklarinettist, Instrumentenbauer und langjähriger Akteur der improvisierten Musik. Seine Arbeit bewegt sich zwischen freier Improvisation, experimenteller Klangforschung und der Entwicklung eigener Instrumente und Klangkörper. Über viele Jahre hinweg beschäftigte er sich intensiv mit den musikalischen und pädagogischen Ansätzen des Creative Music Studio. Gemeinsam mit Peter Stephan verbindet ihn eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit improvisierter Musik als offener Form kollektiver Wahrnehmung und Kommunikation.
Peter Stephan ist Pianist, Autor, Kurator und langjähriger Vermittler improvisierter und experimenteller Musik. In seiner Arbeit verbindet er musikalische Praxis mit kulturhistorischer und philosophischer Reflexion. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit den historischen Linien freier Improvisation sowie mit Formen intuitiven und transkulturellen Musizierens. Die Arbeit von Karl Berger und des Creative Music Studio bildet dabei einen wichtigen Bezugspunkt seiner künstlerischen und theoretischen Auseinandersetzung.
https://creativemusic.org/karl-berger-music-mind/
https://musicmindlab.de/#creative-music-studio
https://litty-vs-stephan.music/