„Klänge sind Lebewesen. Sie werden geboren, verbringen eine gewisse Zeit an bestimmten Orten und sterben dann. Liebend gern bilden sie soziale Organismen.“ (Thomas Gerwin)
Der Komponist, Klangkünstler und Improvisator Thomas Gerwin gehört seit vielen Jahren zu den prägenden Stimmen einer erweiterten Klangkunst, die das Hören selbst zum Gegenstand macht. Tief verbunden ist er der akustischen Ökologie und der Soundscape-Bewegung um R. Murray Schafer. In seinen Arbeiten verbindet er Komposition, Improvisation und räumliche Inszenierung zu vielschichtigen Erfahrungsräumen, in denen Klang nicht nur gehört, sondern körperlich und situativ erlebt wird.
Im Gespräch mit Mathias Maschat geht es um unterschiedliche Formen des Hörens jenseits der klassischen Konzertsituation: Welche Möglichkeiten gibt es, Klang heute wahrzunehmen? Wie verändern sich Hörweisen durch Raum, Bewegung oder Interaktion? Und wie lassen sich sinnliche Dimensionen wie Tastsinn oder räumliche Orientierung in künstlerische Klangkonzepte einbeziehen? Ein besonderer Fokus liegt dabei auf multisensorialem Hören – der Einbeziehung weiterer Sinne wie Tastsinn, Geschmack oder Geruch in eine zeitgenössische, differenzierte Klangwahrnehmung. Thomas Gerwin entwickelt seit Jahren Formate wie Soundwalks, Raumkonzerte oder begehbare Lautsprecherlandschaften, die genau solche Fragen erfahrbar machen.
In seiner anschließenden Sound-Performance entsteht eine vielschichtige Live-Komposition: Ausgehend von improvisierten Klängen auf mitgebrachten Objekten entwickelt Thomas Gerwin eine Aufnahme, die unmittelbar darauf zum Ausgangspunkt einer zweiten Bewegung wird. Während diese erklingt, erweitert er den Klangraum performativ in den gesamten Raum hinein – auf Alltagsmaterialien wie Heizungen, Fenstern, Stühlen oder Türen, bis hin zu angrenzenden Bereichen. So entfaltet sich ein Wechselspiel von Aufnahme und Live-Aktion, von Nähe und Distanz, von konzentriertem Zuhören und räumlicher Erfahrung.
Geboren 1955 in Kassel, studierte Thomas Gerwin unter anderem Musikwissenschaft, Linguistik und Komposition und wandte sich früh der elektroakustischen Musik, der Improvisation sowie der radiophonen Klangkunst zu. Seit 1990 arbeitet er intensiv im Bereich der Soundscape Composition. In seinem Berliner Studio inter art project entstehen Werke für Konzert, Performance, Radio und Installation, die häufig interdisziplinär angelegt sind und Medien wie Theater, Film, Licht oder Skulptur einbeziehen. Er ist Gründer und künstlerischer Leiter zahlreicher Ensembles und Initiativen, darunter das Internationale Klangkunstfest Berlin, und war in verschiedenen Funktionen prägend für die Szene der Neuen Musik und Klangkunst. Seine Arbeiten wurden international aufgeführt, gesendet und ausgezeichnet.